Thilo Sarrazin – ein gelungener Abend in der Urania

Jetzt habe endlich Zeit, diesen Blog weiter zu entwickeln und da kommt mir das derzeit am meisten diskutierte Thema gerade recht. Thilo Sarrazins Buch hat einen noch dagewesenen Aufschrei im Land erzeugt. Eigentlich waren es mehrere Aufschreie. Zuerst schrien reflexartig die Bundeskanzlerin, noch vor Erscheinen des Buches, auf, das sei nicht hilfreich, dann zogen alle anderen Spitzenpolitiker mit, dann kam die SPD mit ihrem unsäglichen Vorsitzenden Gabriel, der etwas von Menschenbild und Rassismus faselt und Sarrazin natürlich gleich aus der Partei werfen möchte. Fast zeitgleich kam der Aufschrei von der gleichgeschalteten Mainstreampresse. Die haben aber alle nicht damit gerechnet, dass die deutschen Bürger und bestimmt auch Migranten, wenn auch nicht mit muslimischen Hintergrund, in dieser Wucht Sarrazins Thesen zustimmen. Ich wollte mir sozusagen aus erster Hand ein Bild von dem Mann machen und konnte heute dank meines Bruders an der Veranstaltung in der Berliner Urania teilnehmen. Es war eine Podiumsdiskussion mit Thilo Sarrazin, dem Filmemacher Ali Samadi Ahadi, dem Journalisten Matthias Matussek und dem Autor Jürgen Neffe. Der Abend war sehr interessant und hat Herrn Sarrazin bestimmt gut getan.

Vor der Urania waren einige Mannschaftswagen der Polizei geparkt, aber der gesamte Abend verlief vollkommen friedlich und ohne irgendwelche Zwischenfälle, jedenfalls habe ich nichts bemerkt. Die Stimmung war sehr entspannt, man merkte aber schon vor Beginn der Podiumsdiskussion, dass mehr Sarrazin-Anhänger da waren. Natürlich konnte man an einem Stand auch das Buch kaufen, fand ich okay, warum nicht? Es ging dann einigermaßen pünktlich los und Sarrazin nahm unter tosenden (man kann es nicht anders sagen) als Erster auf seinem Stuhl auf der Bühne Platz und wurde minutenlang beklatscht. Etwa die Hälfte des Publikums stand auf (mein Bruder und ich auch), als Zeichen des Dankes. Nachdem alle anderen Teilnehmer Platz genommen hatten, wurde erst Sarrazin von dem ZDF-Journalisten Christhard Läpple, der den Abend moderierte, befragt. Für mein Gefühl dauerte das etwas zu lange, Sarrazin sprach knappe 40 Minuten und die anderen saßen dumm herum. Er bekam aber während seiner Ausführungen immer wieder Applaus, es gab aber auch Zwischenrufe von Leuten, die absolut nicht seiner Meinung waren. In diesem ersten Teil ging sarrazin, jetzt ohne Bundesbank-Maulkorb, auch die Kanzlerin ziemlich frontal an. Er verwies darauf, dass die Kanzlerin in dieser Woche den Karkaturisten Westergaard mit dem Preis für Meinungsfreiheit ehrte, einige Tage zuvor aber noch sein Buch als „nicht hilfreich“ bezeichnete. Sarrazin fuhr dann fort, dass vor 5 Jahren die Mohammed-Karikaturen bestimmt auch nicht hilfreich waren, also erwarte er, dass er in 5-6 Jahren, sollte sie dann noch Kanzlern sein, auch einen Preis für Meinungsfreiheit bekommt. Die Lacher hatte er auf seiner Seite.
Dann wurde der Filmemacher Ali Samadi Ahadi befragt, ob sich durch das Buch in Deutschland etwas ändern würde. Dem Mann fiel als Antwort nichts Besseres ein, als dass er sich seit 3 Wochen in Köln unwohl fühlte, er würde so komisch angeguckt und müsse um die Unversehrtheit seiner Familie bangen. Das war dann doch etwas zu dick aufgetragen und wurde auch entsprechend vom Publikum beraunt. Ahadi sprach dann allen Ernstes von verletzten Gefühlen und jammerte so vor sich hin, bis es dann Sarrazin zu blöd wurde und er ihm zurief, dass Verletzungen auf deutschen Schulhöfen tagtäglich stattfänden, wenn deutsche Mädchen als „Schlampen“ oder „verdammte Christen“ beschimpft und gemobbt werden. Minutenlanger Applaus, da hatte er offenbar voll den Nerv getroffen. Ahadi konnte da auch nicht mehr wiedersprechen, er schwieg einfach und machte ein hilfloses Gesicht. Auch Matthias Matussek vom Spiegel, der einen hervorragenden Artikel auf Spiegel Online zum Thema Sarrazin schrieb, hatte sehr gute Momente. Ahadi fing an, obwohl das nicht Thema war, die Gefahr von Neonazis hoch zu jazzen und faselte etwas davon, wie gefährlich Brandenburg sei, weil da so viel Nazis seien. Matussek erwiderte, dass 9/11, Madrid, Bali, London mit ziemlicher Sicherheit nichts mit Neonazis aus Brandenburg zu tun hätten. Ich kann nicht die ganze Diskussion widergeben, der Biologe und Autor Jürgen Neffe, der ganz wichtig mit einem ipad auf dem Schoß da saß, hatte nichts Wichtiges beizutragen, seine Kritik wurde von Sarrazin weitgehend zerpflückt und widerlegt. Leider kam es wegen der hitzigen Diskussion und des überlangen Monologs Sarrazins am Anfang nicht mehr zu dem angekündigten Programmpunkt, Fragen aus dem Publikum zuzulassen. Der Abend war trotzdem gelungen, Sarrazin und Matussek haben ruhig und sachlich argumentiert, sie hatten es aber auch leicht, denn es war von Anfang klar, auf welcher Seite das Publikum war. Das habe ich mir, soweit möglich, angesehen. Es waren auffällig viele Leute jenseits der 50 da, die Mehrheit würde ich wirklich als Bildungsbügertum bezeichnen, wenn es das noch gäbe. Von irgendwelchen Nazi-Gelumpe keine Spur. Man spürte förmlich bei den wirklich erstaunlich langen und intensiven Applausen (ist das korrekte Mehrheit von Applaus?) für Sarrazin die Dankbarkeit der Leute, dass er endlich mal offen ausgesprochen hat, was den Leuten wirklich auf der Seele brennt. In der Diskussion kann ich mich noch an einen wohltuenden Satz von Sarrazin erinnern, den er an den iranischen Filmemacher richtete: Sarrazin sagte, dass die Teilnehmer der Diskussion in einer privilegierten Stellung leben und in Zirkeln verkehren, wo alles Unangenehme ferngehalten wird. Aber man sollte mal die Leute, die die Realität eher ungefiltert erleben, fragen.

Auch nach der Veranstaltung blieb alles ruhig, es waren erstaunlich viele Pressefotografen da und auch mehrere Fernsehteams. Das Medieninteresse ist also weiterhin hoch.

Der Abend hat wirklich Mut gemacht, auch die Tatsache, was für Leute im Publikum für Sarrazin sind, war eine angenehme Erfahrung.